21. April 2019

Der Himmel voller Buchladen – und Bibliotheksbücher

Wir hatten erst kurz vor unserem Buchladenbesuch in Leipzig an Andrea’s Freundin gedacht: Die liebt Pinguine. Deswegen mache ich Andrea natürlich immer auf Pinguine aufmerksam. Pinguine auf Dosen, als Vasen, als Plüschtiere und natürlich auf Buchcovern und als Inhalte von Büchern. Andrea’s Patenkind hat nun schon einige Pinguin – Bilderbücher und ich habe einen Pinguin – Roman.

Als ich den Titel „Der Sommer der Pinguine“ auf dem Buch von Thomas Montasser sah, nahm ich erst das Buch in die Hand, um damit zu Andrea zu gehen und es ihr zu zeigen, las aber dann im Klappentext, dass es in dem Buch um den freundlichen Buchhändler aus Mayfair und ein kleines Hotel und ein geheimnisvolles Buch über Pinguine geht. Tja – und da hatte Konni leider verloren.

Thomas Montasser kenne ich schon durch ein anderes BuchhandlungsBuch, deswegen setzte ich mich – nein, nicht sofort, ich hatte ja gerade noch einige Bücher auf dem Lesetisch – aber schon bald an den Sommer der Pinguine und war zunächst sehr entzückt.

Mrs Annetta Robington war nämlich auf dem Weg durch London in diesem unsagbar schönen Buchgeschäft gelandet. Als sie sich so umsah, dachte sie, dass sie dieses Geschäft wohl auch mit Büchern hätte ausstatten können. Ihre besonderen Lieblingsbücher waren Bestandteil des Angebotes dieses feinen Ladens.

Sehr malerisch und fast ein bisschen zauberhaft beginnt Thomas Monasser die Geschichte von Mrs Annetta Robington zu erzählen. Sie wird im Verlaufe dieser Geschichte ein großes Geheimnis entdecken, dass eigentlich nur deswegen eines ist, weil die Menschen oft nicht richtig „hinsehen“, oder weil vielen von ihnen vieles egal ist.

So ist aber nicht Mrs Robington. Sie ist aufmerksam, sieht hin und… fragt nach. So kommt es, dass sie die Last Night of the Proms besuchen kann, die Bekanntschaft eines besonderen Violinisten und sogar die eines berühmten Dirigenten machen wird. Die Pinguine spielen eine besondere Rolle, nicht nur in dem Buch.

Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits ist dieses Buch sehr liebevoll geschrieben, erzählt Monasser mit Witz, Liebe zum Detail und großer Freude – andererseits ging es mir nicht genügend in die Tiefe, wirkte es durch zu viele Stränge skizzenhaft.

Dennoch, ich werde den Sommer der Pinguine ausleihen und wegen der skurrilen Einfälle und dem schönen Plot weiterreichen.

Bücherstöbereien

Wenn Andrea und ich in Buchläden stöbern, kann es länger dauern weil wir nicht nur für uns, sondern auch für andere Menschen schauen, von denen wir wissen, was sie lesen, und wir schauen auch füreinander. Andrea zeigte mir, ebenfalls in Leipzig,

Amy Meyerson’s – Ein Himmel voller Bücher

Amy Meyerson’s Heldin heißt Miranda. Sie ist Lehrerin, lebt mit ihrem Lebensgefährten zusammen und hat ein klares Bild davon, wie ihr Leben verlaufen wird. Sie ist schon vor längerer Zeit weit weg von ihrem kalifornischen Zuhause nach Philadelphia an die Ostküste gezogen.

Schon auf der ersten Seite des Romans wird deutlich, dass neben ihren Eltern Mirandas Onkel Billy eine besondere Person in ihrem Leben war. Zumindest in den ersten Jahren. In Rückblenden erinnert sich Miranda an besondere Situationen, in denen Billy sie mit besonderen Büchern bekannt gemacht hat, ihr Freiheiten in seinem Buchladen „Prospero Books“ eingeräumt hat, oder ihr alles, was er wusste, über Erdbeben beigebracht hat.

Eine Besonderheit zwischen Billy und Miranda war es, dass Billy Miranda durch Rätsel zum Lernen verführt hat. Sie bekam das Wissen um Erdbeben nicht einfach präsentiert, sondern wurde mit „Schnitzeljagden“ zu besonderen Erkenntnissen geführt. Diese Rätseltage und die gemeinsame Liebe zu Büchern, die Billy erst in Miranda zum Blühen brachte, waren der Grundstock und Zeichen für die große Zuneigung zwischen Billy und seiner Nichte.

Umso merkwürdiger fühlt es sich an, als Billy nach Mirandas Geburtstag aus ihrem Leben verschwindet.

Miranda ist erwachsen und arbeitet als Lehrerin, als sie erfährt, dass Billy verstorben ist  und sie „Prospero Books“, das Märchenland ihrer Kindheit, und die darüber liegende Wohnung von Billy ebenso geerbt hat, wie eine letzte Schnitzeljagd voller Rätsel.

„Ich wusste immer, dass Billy in Gestalt eines Rätsels zu mir zurückkehren würde. Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass mich der erste Hinweis erst nach sechzehn Jahren erreichen würde.“

In den sechzehn Jahren von Billy’s Abwesenheit aus Mirandas Leben ist viel passiert,  was Miranda nach und nach herausfinden wird. Auf Miranda warten aber auch grundlegende Erkenntnisse über ihre Familie und Miranda selbst.

Ich habe in den letzten Jahren einen großen Zuwachs von Büchern festgestellt, in denen jemand etwas von der Oma, oder irgendjemand anderes erbt, rund um die Erbschaft auf „furchtbare“ Geheimnisse stößt und die große Liebe des Lebens oder sogar das große Glück (verbunden mit der großen Liebe) findet. Die lege ich immer sofort weg.

Bei Miranda ist es ein bisschen so. Sie erbt und geht einem großen Geheimnis, zu dem sie die Schnitzeljagd führt, nach. Jedoch: Amy Meyerson hat keinen Abklatsch von dem oben beschriebenen Plot geschrieben, sondern eine Geschichte, die mich als Lesenden direkt in die Geschichte eingefädelt und über eine spannende Geschichte eingebunden gehalten hat. Billy lehrt nicht nur Miranda Erdbeben – Wissen, sondern ich lernte neue und alte Bücher kennen, wurde in die Diskussionen von Buchbegeisterten eingebunden und – geierte dem Verlauf der Geschichte nach.

Für mich das beste Buchhandlungsbuch dieses Jahres bis …. ich

Der Buchliebhaber von Charlie Lovett

las. In diesem Buch geht es am 7. Februar 1941 mit einem Fliegerangriff auf ein Kloster in dem (fiktiven) Städtchen Barchester los. Der wertvolle Bibliotheksbestand der Kathedrale von Barchester ist in Gefahr. Die Kathedrale brennt.

Was es mit dem im Verlaufe der Rettungsaktion gestohlenen Folianten auf sich hat, wird Arthur Prescott, der Protagonist im heutigen Barchester vielleicht herausfinden. Allerdings benötigt er, der idealistische (analoge)  und, wie die übrigen Mitglieder der Bücherfreunde Barchester wissen, alles Digitale ablehnende Bücherfreund, sein Chef nennt ihn deswegen den Ewiggestrigen, ausgerechnet die Hilfe von Bethany. Bethany  kam nach Barchester, um den jahrhundertealten Buchbestand zu digitalisieren und ihn so der Allgemeinheit und der Wissenschaft leichter verfügbar zu machen.

Für die Bücherfreunde entsteht ein Wettrennen mit der Zeit: Sie müssen das Rätsel des verschwundenen Folianten lösen, um den Verkauf der Bibliothek zu verhindern und trotzdem die teilweise baufälligen Kathedrale zu bewahren.

Während Arthur und seine Freund*innen um das Geheimnis (und um sich selbst) kreisen, erzählt Charlie Lovett die Geschichte der Heiligen Ewolda und ihres Klosters, die eng verwoben ist mit den Männern und Frauen, die in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder Verantwortung für das große Geheimnis und die Gemeinschaft übernommen haben.

Charlie Lovett gelingt es wunderbar, die Fäden der unterschiedlichen Zeitebenen zu einer Geschichte zusammenzuführen.

Mich hat das Buch überzeugt, weil es Witz und Charme hat, weil die Diskussionen digitaler und analoger Buchfreuden schön aufgegriffen wird, und ich in die Erzählung in ihren unterschiedlichen Zeitrahmen hineingeholt worden bin. Die Bücherfreunde von Barchester sind eine beispielhaft schöne Erfindung.

Ein kleines Buch kommt noch, der Vollständigkeit halber: Auf

Christina di Canios – Die Buchhandlung der Träume

bin ich auf der Suche nach Buchhandlungsbüchern im Netz gestoßen und habe es wegen der guten Kritiken zu mir genommen. Es ist nicht so, dass es mir nicht gefällt, aber wie jemand dieses Buch „frech“ nennen kann, kann ich mir nicht ausdenken.

Es wird ein schöner Buchladen vorgestellt, eine liebenswerte Buchhändlerin, die sich um ihre Mitmenschen kümmert, sich verliebt und betrogen wird. Die Erzählerin ist eine alte Dame, die aus einer auf den ersten Leseblick merkwürdigen Perspektive sowohl die Geschichte der Buchhändlerin Nina, als auch ihre eigene Familien und Liebesgeschichte erzählt. Warum die Perspektive merkwürdig erscheint, klärte sich für mich recht schnell (ich kannte einen solchen Kunstgriff schon), andere mögen überrascht gewesen sein. Da beide Erzählstränge etwa den gleichen Raum im Buch einnehmen, sind beide nicht sehr tiefgründig angelegt. Die Geschichte umfasst auch nur knapp 200  Seiten.

Dennoch ist das Buch eine Liebeserklärung an die Literatur. Die alte Adele erzählt von ihren geliebten Romanen, die sie auch schon mal Ninas Kunden unterjubelt und von dem wichtigen Stellenwert, den Bücher in ihrem Leben eingenommen haben. Und ja, solche Buchhändlerinnen, wie Nina, die sich mit Witz und Interesse an Menschen und Büchern zu besonderen Angeboten in ihrem Laden hinreißen lassen, sind die, die Leserinnen und Leser glücklicher machen.

Die Buchhandlungen im Erstlingswerk

Es ist interessant, dass viele von den Buchladenbüchern, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, Erstlingswerke sind. Schreiben vielleicht viele Autor*innen Bücher über Buchhandlungen, weil sie besonders von Ihnen beeinflusst sind? Oder ihre Bücher dort ver – nein, das schreibe ich nicht, das wäre gemein.

Wie auch immer, ich freue mich über schöne Beschreibungen und das pralle Leben, das sich offensichtlich nicht nur zwischen den Buchdeckeln, sondern auch darum herum abspielt.

Thomas Montasser
Der Sommer der Pinguine

Insel Verlag

ISBN: 978-3-458-36346-0

Mit Illustrationen von Isabel Pin

Amy Meyerson

Ein Himmel voller Bücher

Harper Collins

ISBN: 9783959671620

Charlie Lovett

Der Buchliebhaber

Goldmann / Random House

ISBN: 978-3-442-48711-0

Cristina Di Canio

Die Buchhandlung der Träume

Goldmann / Random House

ISBN: 978-3-442-20531-8

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Über Klaus Daniel 172 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.