28. November 2020

Rose Tremain: Und damit fing es an

Matzlingen, Schweiz, 1947…

Gustav Perle ist fünf Jahre alt. Er lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter in einer winzigen Wohnung. Sie können sich nicht viel leisten.

Gustavs Leben ist ereignislos. Bis er in der Schule Anton kennen lernt.

„Und das war das erste Mal, dass er Anton lachen hörte. Es war ein unwiderstehliches Lachen; man musste einfach mitlachen, und plötzlich konnten die beiden Jungen gar nicht mehr aufhören zu kichern.“

Dieses miteinander Lachen ist nicht nur der Beginn einer lebenslangen Freundschaft zweier Jungs, es verbindet Gustav für immer mit der Familie Antons. Gustavs Mutter ist nicht begeistert, denn Anton und seine Eltern sind Juden.

Matzlingen, Schweiz, 1939…

Gustavs Vater, Erich Perle, ist der stellvertretende Polizeihauptmann von Matzlingen. Die gemeinsame Geschichte mit Emilie, Gustavs Mutter, wird ein weiteres Mal schwer erschüttert, als Erich beruflich in Schwierigkeiten gerät. Diese Krise wird das Leben der Familie Perle insbesondere Gustavs, der noch nicht geboren ist, fortan bestimmen.

Gustav wird über einen Lebensweg in den nächsten fünfzig Jahren begleitet. Gustav steht meist zurück. Er ist, obwohl die Hauptfigur des Romas, der Supporter aller Anderen. Er unterstützt die Mutter, den Freund, dessen Familie – vielleicht macht ihn das zu dem guten Hotelier, der er als Erwachsener geworden ist. Von den ihm nahe Stehenden wird ihm seine Fürsorge nicht besonders gedankt. Entweder wird über seine Fürsorge hinweg gegangen oder es wird noch mehr aus ihm herausgepresst.

„Darauf wusste Gustav keine Antwort. Er hatte den Eindruck, von jetzt an konnte er sagen oder tun, was er wollte, sie würde immer das Gefühl haben, er hätte sie enttäuscht.“

Rose Tremains Roman nimmt sehr langsam Fahrt auf. Sie erzählt die Geschichte der Familie Perle sehr eindringlich, in dem sie die emotionalen Konturen der handelnden Personen durch genaue Beobachtung schärft. Tremain erzählt die Geschichte der Familie Perle aus Matzlingen in der Schweiz ab den 1930er Jahren. Die Geschichte ist eingebettet in die Geschehnisse des zweiten Weltkriegs und der Schoah, deren Auswirkungen auf die Schweiz sehr eindringlich dargestellt werden.

In der Geschichte beschreibt Rose Tremain die Beziehungen der Menschen miteinander sehr fein und zeigt die Konsequenzen der vielfältigen individuellen Handlungen sowohl für die jeweiligen Personen und ihr gesamtes Beziehungsgeflecht auf. Es sind diese genauen Personen- und Ereignisbeschreibungen, die dieses Buch so schimmern lassen. Die völlige Durchdringung von Gustavs Freundes- und Familiensystem wirkt sehr lebendig, Gefühle sind nachvollziehbar.

Rose Tremain ist ein wirklich großartiges Buch gelungen, das gleichermaßen Familiensaga, Sittenbild und Charakterstudie ist – und eine oft melancholische, berührende Liebesgeschichte.

 

Für das Rezensionsexemplar schicke ich einen herzlichen Dank an den Insel Verlag.

 

Rose Tremain: Und damit fing es an

Insel Verlag

ISBN: 978-3-458-17684-8

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Über Klaus Daniel 178 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.