17. September 2019

Sportlerbiographien – „Antihelden“ auf dem Fahrrad

Für diesen Beitrag habe ich mir zwei Sportlerbiographien rausgesucht. Da wir in Deutschland mehrheitlich Sport supporten, bei dem ein Ball hin und her bewegt wird, befinden wir uns ein bisschen im Bereich des Randsports.

Allerdings muss man das wohl relativieren, denn der Radsport – um genau den geht es in den beiden Büchern – erlebte um die Jahrtausendwende auch in Deutschland einen ungeheuren Boom. Wer erinnert sich nicht an die zahlreichen live übertragenen Tour de France – Etappen, in denen das ganze Land Jan Ullrich die Daumen gedrückt hat. Der Boom ist allerdings in den letzten zehn Jahren fast völlig abgeflaut. Die Tour de France oder ähnliche Radrennen findet man nicht mehr im Programm der öffentlichen Rundfunkanstalten. Die Ursache dafür sind zahlreiche Dopingfunde und -geständnisse, die dem Sport etwas Betrügerisches verliehen haben. Zwei der Protagonisten dieser Zeit haben ihre Erinnerungen in Form biographischer Erzählungen als Bücher veröffentlicht. Ich habe sie gelesen.

Wenn Ihnen die Namen Tyler Hamilton und Thomas Dekker im ersten Augenblick nichts sagen, dann müssen Sie sich nicht grämen. Nach Jan Ulrich und Lance Armstrong hört es bei den meisten Menschen auf. Für diese beiden Sportler habe ich mich entschieden, weil sie eben keine abgehobenen Stars (wie so viele Fußballspieler oder Ulrich und Amstrong) sind, sondern mit dem Fahrradfahren „einfach“ ihren Lebensunterhalt verdienen mussten. Tylor Hamilton ist Amerikaner und kommt aus Massachusetts. Thomas Dekker kommt aus den Niederlanden.

Wenn man ein Buch mit dem Titel „Die Radsport Mafia“ versieht, erzeugt man eine gewisse Erwartungshaltung. Diese wird jedoch in negativer Hinsicht nicht erfüllt. Tyler Hamilton ist ein interessanter Typ. Es wird sehr aufwändig beschrieben, wie er sich seinen Weg erkämpfen musste, um professionell Fahrradfahren zu können. Reißerische Passagen – wie sie der Titel impliziert – finden sich nicht. Im Original heißt das Buch übrigens „The Secret Race“. Ich weiß nicht was sich die Übersetzer*innen dabei gedacht haben.

Ich war am Ende. Ich schaffte es kaum noch unter die Dusche. Ich war leer, ich hatte keine Kraft mehr. Pedro (der Mannschaftsarzt) erwiderte erst gar nichts. Er sah mich nur an – oder genauer gesagt in mich hinein, mit diesen traurigen, sanften Augen. Dann kramte er ein braunes Glasfläschchen hervor. (…) Eine kleine rote Pille fiel heraus. „Das ist kein Doping“, sagte er. „Das ist gut für deine Gesundheit. Baut dich wieder auf.“ Ich nickte. Er hielt die Kapsel noch immer in der Hand. Ich sah, dass sie mit Flüssigkeit gefüllt war. „Wenn du morgen ein Rennen hättest, würde ich sie dir nicht geben. Aber wenn du es jetzt nimmst und erst übermorgen wieder fährst, ist es in Ordnung (…)“.  

Tyler Hamilton beschreibt, welche Mechanismen auf ihn gewirkt haben, um ihn zu einem Dopinggebraucher zu machen. Er tut das ohne jemanden zu beschuldigen, beschreibt aber sehr genau, wieso sein Handeln alternativlos hinsichtlich einer erfolgreichen Profikarriere war.

Die Auswirkungen des Dopings auf Tyler Hamilton sind zwiespältig. Er gewinnt wichtige Rennen, verliert aber seine Selbstachtung. Über Siege kann er sich (rückblickend) nicht freuen, weiß er doch, dass sie nicht ehrlich errungen waren.

Als „brutal ehrlich“ bezeichnet die Fahrradfachzeitschrift „Cycling News“ das Buch von Thomas Dekker. „Unter Profis“ heißt es. Und brutal ehrlich ist es in der Tat. Das Buch verfügt nicht über einen eleganten Schreibstil, es wirkt viel mehr so, als würde Thomas Dekker neben einem in der Kneipe sitzen und seine Geschichte erzählen (ob es wohl jemals eine Hörbuchversion geben wird). In sehr eindringlichen Worten beschreibt er, wie er sich selbst um sein vorhandenes Talent gebracht hat, in dem er allzu schnell bereit war, alles, wirklich alles zu tun, um auf der professionellen Radsporttour Erfolg zu haben. Im Gegensatz zu Hamilton geht er völlig sorglos mit leistungssteigernden Substanzen um, hinterfragt kaum etwas und erntet schnell erste Erfolge. Doch wer hoch fliegt, läuft Gefahr, tief zu fallen. Und genau das geschieht mit Thomas Dekker. Er wird beim Doping erwischt, er kann seinen exzessiven Lebensstil nicht ändern und zerstört fast alle seiner sozialen Beziehungen. Es ist erschreckend, ihm zuzuhören (bzw. sein Buch zu lesen), zumal man auf ein Happyend vergeblich wartet.

Ich habe Tirreno-Adriatico gewonnen (ein Radrennen in Italien, zuvor hat Dekker mit Eigenblutdoping begonnen). (…) Ich werde aufs Podium gerufen. Danach geht es zur Pressekonferenz. Ich muss Bürgermeistern und Sponsoren die Hand schütteln. Mein Mobiltelefon hört nicht auf zu klingeln. (…) Am Abend essen wir gemeinsam mit dem Team – eine Flasche Champagner nach der anderen wird entkorkt. Es ist spät am Abend, als ich die Tür zu meinem Hotelzimmer öffne. Ich setze mich auf die Kante des Bettes und breche in Tränen aus. Alles kommt heraus, alles bricht sich Bahn. Die Freude, all die Trainingswochen, in denen ich mich abgerackert habe, aber auch der Stress. Die einsamen Monate in einem italienischen Hotel, die geheimen Ausflüge nach Madrid, von denen ich niemandem erzählen darf – es ist alles einfach zu viel für mich. Plötzlich bin ich nur ein kleiner, einsamer Junge.

Beide Bücher habe ich gerne gelesen. Für Fahrradrennen habe ich mich lange nicht interessiert, aber rudimentäre Kenntnisse sind vorhanden. In die Materie konnte ich schnell eindringen. Für mich als sportbegeisterten Menschen, der durchaus gerne hinter die Kulissen blickt, sind die Bücher kurzweilig und interessant.  

 

Zonneveld, Thijs: Thomas Dekker – Unter Profis

Covadonga Berlag

ISDN: 978-3-95726-024-6

 

Hamilton Tyler und Coyle, Daniel: Die Radsport Mafia

Piper

ISDN: 978-3-492-30409-2

 

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