17. Oktober 2019

Als die Tiere den Wald verließen

Es war mein Highlight der Leipziger Buchmesse. Die Entdeckung, dass mein Lieblingskindheitsbuch als Hörbuch aufgelegt worden ist. Lange hatte ich nicht mehr an die Tiere gedacht, die den Wald verließen. Plötzlich sprangen sie mir direkt ins Gesicht. „Als die Tiere den Wald verließen“, gelesen von Uve Teschner und veröffentlich durch den Sauerländer Audio Verlag. In dieser Hinsicht war es gut, dass das Hörbuchangebot in Leipzig eher schmal war. Da konnte selbst ich es nicht übersehen.

Um ehrlich zu sein wusste ich nicht mehr, warum mir das Buch vor gut zwanzig Jahren gefallen hat. Ich hatte auch Sorgen, dass es nun nicht mehr so ist. Allerdings war ich mir direkt sicher, dass Uve Teschner die Geschichte großartig lesen wird – und damit lag ich vollkommen richtig. Nun geht es in der Geschichte unweigerlich um eine Horde (eigentlich eine Herde) verschiedener Tiere. Uve Teschner liest die Rollen ohne bescheuert zu klingen, verleiht dennoch jedem Tier eine unterscheidbare und eigene Stimme.

Warum ich das Buch vor zwanzig Jahren mochte, ist mir dann schnell wieder bewusst geworden. Weil es einfach gut ist. Eine Gruppe unterschiedlicher Lebewesen muss ihren Lebensraum verlassen, weil dieser unwiderruflich zerstört wird. Aus natürlichen Feinden werden umständehalber Verbündete. Es treffen Charaktere und Bedürfnisse aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Ein Dachs, ein Fuchs (vorerst einer), ein Maulwurf, Kaninchen, Eichhörnchen, Mäuse, ein Fasanpärchen, eine Kreuzotter, ein Wiesel und nicht zu vergessen eine Kröte machen sich gemeinsam auf den Weg einen neuen Lebensraum zu finden. In der Luft werden sie von einem Turmfalken und einer sehr weisen Eule eskortiert – im Laufe der Reise schließt sich ihnen ein pfeifender  Reiher an – mehr verrate ich jedoch nicht.

Dass Helden nicht immer einem Stereotyp entsprechen müssen, zeigt die Verteilung der Rollen in der Geschichte. Zugegebenermaßen wird die Gruppe von einem Fuchs angeführt. Ein elegantes, schnelles und starkes Tier, zudem sehr klug. Das widerspricht meiner These im ersten Moment, aber das nur scheinbar. Ohne die Kröte, die langsamer, schwächer und eigentümlicher als alle anderen Tiere ist, wäre die Reise gar nicht möglich. Nur sie kennt den Weißhirsch-Park und nur sie ist in der Lage, den anderen Tieren den Weg dorthin zu zeigen. Die Kreuzotter ist zynisch. Eine Einzelgängerin, der nichts lieber wäre, als die Feldmäuse und Kaninchen, die zum Trupp dazu gehören, genüsslich zu verspeisen. Ich will nicht zu viel verraten, doch die Kreuzotter ist eine Heldin – und eine herrliche Zynikerin 😉

Welche Rolle bleibt uns (also dem Menschen) während der Abenteuerreise der Tiere? Sind wir Menschen nicht eigentlich auch nur Lebewesen, die zu einer großen Gemeinschaft gehören? Irgendwie schon aber irgendwie auch nicht. Den Tieren erscheinen die Menschen häufig als sehr eigennützig, immerhin müssen sie ihren Lebensraum verlassen, weil die Menschen ihn für sich erschließen. Die Tiere können die Menschen nicht eindeutig einschätzen.

Während ihrer Reise durchquert die Gemeinschaft ein Anbaugebiet, in der chemische Mittel eingesetzt werden, um die angebauten Salate und Gemüsesorten vor Schädlingen zu schützen und sie künstlich wachsen zu lassen. Die Tiere sind sehr verwundert. Keine Vögel sind zu hören, alles ist still. Die Kaninchenjungen können der Versuchung kaum wiederstehen, in einen Kohlkopf zu beißen, da taucht glücklicherweise der Maulwurf aus, der bei seinen Grabungen ausschließlich tote Regenwürmer finden konnte. Der Dachs erläutert den Tieren daraufhin, dass die Menschen „Gift“ einsetzten, um ihre Feldfrüchte davor zu bewahren, von Insekten und anderen „Schädlingen“ angefressen zu werden.

Als die Tiere das Gebiet hinter sich gelassen haben, treffen sie auf einen „Naturkundler“, der – wie der Reiher zu berichten weiß – der Hüter des Weißhirschparks ist. Dieser Mensch ist ganz und gar unbedrohlich. Er liebt die Natur und beobachtet Vögel, ohne ihnen zu schaden. Für die Tiere ergibt sich ein Zwiespalt.

„Erst wenn man erfährt, dass es Menschen gibt, die zu uns so freundlich sind und ein solches Interesse für uns zeigen, fällt einem wieder ein, dass die Menschen ja mit uns verwandt sind“, sprach der Dachs. „Mit einer Rasse, die absichtlich jedes Lebewesen in einer ganzen Gegend vergiftet – und zwar aus Gründen, die nur ihrer Arroganz und Gier entspringen, will ich nicht mal weitläufig verwandt sein“, sagte die Kreuzotter.

Als die Tiere den Wald verließen, ist eine Geschichte der Tiere. Sie erzählt von Helden, die anders sind. Sie erzählt von Mut und Loyalität und Hindernissen, die gemeinsam überwunden werden. Die Idee eines Paktes, eines Vertrages, wie man in der Gemeinschaft miteinander umgeht und dabei seine eigenen Interessen eben dieser unterordnet, finde ich großartig und lehrreich.

Natürlich ist die Geschichte nicht hochkomplex, dadurch eignet sie sich als Literatur für Jugendliche. Mir als Erwachsenem (so biologisch gesehen), gefällt sie heute immer noch genauso gut wie vor zwanzig Jahren. Hören oder lesen, eines von beidem sollte man mit diesem Buch machen – egal wie alt man ist.

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