18. Juli 2019

Chris Carter schreibt – Uve Teschner liest

Zum ersten Mal hörte ich ein Hörbuch von Chris Carter, als mein guter Freund Klaus mir eines seiner neuerworbenen Hörbücher in die Hand drückte. Da Klaus meine klare Regel kennt, jeden Mehrteiler mit dem ersten Buch anzufangen, handelte es sich auch dankenswerter Weise um eben diesen. „Der Kruzifix Killer“ ist der erste Fall, in dem Chris Carter seinen beiden Detectives Robert Hunter und Carlos Garcia ermitteln lässt. Dieses Hörbuch gefiel mir gut, obwohl es sich um eine gekürzte Fassung handelte. Zu meiner großen Freude fand ich jedoch schnell heraus, dass die weiteren Hörbuchteile  in ungekürzter Version downloadbar waren und dabei von einem meiner aktuellen Lieblingssprecher vorgetragen wurden. Die Reihe wird nämlich von Uve Teschner gelesen, der mir ausnehmend gut gefällt.

Chris Carter ist übrigens nicht der Typ, der die Drehbücher für „Akte X“ geschrieben hat, obwohl die Schreibweise seines Namens absolut identisch ist. Bei diesem Chris Carter handelt es sich um einen in Brasilien geborenen Schriftsteller, der in Michigan forensische Psychologie studiert hat. Anschließend arbeitete er mehrere Jahre lang als Kriminalpsychologe. Diese biographischen Details merkt man seinen Büchern deutlich an. Selten habe ich bei der Beschreibung von Leichen oder Mordarten so geschaudert. Kleiner „Fun Fact“, bevor ich mich dann tatsächlich den Büchern widme. Chris Carter ist gut befreundet mit Sebastian Fitzek, wie dieser vor kurzer Zeit während einer Lesung im beschaulichen Schwerte verriet.

Chris Carter lässt die beiden Detectives Robert Hunter und Carlos Garcia für das Los Angeles Police Departement (LAPD) ermitteln. Besser gesagt für die UV-Mordermittlung. Das „UV“ steht für „ultra violent“, es werden also die Mordfälle und –serien ermittelt, die sich durch besondere Hinterlist und Brutalität auszeichnen. Detective Hunter ist ein Wunderkind. Er ist der jüngste Kriminalbeamte, der beim LAPD  je in den Rang eines Detective befördert wurde. Seine Doktorarbeit, die er bereits mit 21 geschrieben hat, dient als Lehrmaterial über Serienmörder im FBI, welches ihn fortwährend (das wird vor allem in den späteren Fällen deutlich) zu rekrutieren versucht. Detective Carlos Garcia wird ihm im ersten Fall als Partner zugeteilt und verkörpert so ein bisschen das Gegenteil von Hunter. Während Hunter immer äußerst bedacht agiert, ist Garcia mehr der Lebemann und recht emotional.

Was mich an den Fällen anfangs sehr faszinierte, waren die ungewöhnlichen Rahmenbedingungen. Häufig handelt es sich bei Serienmördern – und mit denen haben wir es in jedem der Fälle zu tun – um Männer. Dieses Schema wird direkt durchbrochen. Ich möchte natürlich nicht zu viel verraten, aber direkt der erste Fall endet anders als man denken mag.

Wie anfangs berichtet, ist Chris Carter vom Fach. Er weiß,  wie eine Polizeistelle arbeitet und welche Prozesse in einer Mordermittlung ablaufen. Mir gefällt dabei äußerst gut, dass er den gesamten Polizei- und Ermittlungsapparat weder glorifiziert noch deppenhaft darstellt. Seine Beschreibungen sind äußerst sachlich und präzise. Es fällt, vor allem wenn man die Hörbücher nacheinander hört (so wie ich es getan habe), mitunter etwas schwer, den Lobgesang auf die psychologischen Fähigkeiten von Detective Hunter immer wieder über sich ergehen zu lassen. Dies wird jedoch durch die Bescheidenheit, die ihm als fiktiven Detective innewohnt, ausgeglichen. Auf die Frage nach seinem vielfältigen Wissen antwortet Hunter stets mit der Phrase „ich lese viel“.

Momentan sind neun Fälle der beiden Detectives auf Hörbuch erschienen, der zehnte erscheint im Juli 2019 als Buch und wird dann auch zu hören sein. Ich möchte, ohne zu sehr auf die einzelnen Bücher einzugehen, kurz beschreiben, was mir gefällt und warum ich hoffe, dass die Serie nach dem zehnten Fall – den ich noch nicht kenne – zu Ende geht.

Carters Fälle sind geschickt konstruiert und vor allem sehr spannend. Das Motiv der Rache, auch in indirekter Form, spielt häufig eine wesentliche Rolle. Die Mörder*innen sind schwer frühzeitig zu identifizieren, zu umfangreich sind die Verstrickungen und Handlungsstränge. Die Frage nach der „richtigen“ Moral ergibt sich ebenfalls in einigen Fällen. Im achten Fall „Death Call“ geht es sogar so weit, dass der gesuchte Mörder am Ende der Geschichte selbst noch erledigt wird und zwar von einem Auftragskiller, den man für diese Aktion lieb gewinnen könnte…

Abschließend gibt es leider auch etwas zu bemängeln. Neun Fälle sind viel. Es ist unabdingbar, dass sich Motive wiederholen und man das Gefühl bekommt, verschiedene Passagen schon mal gehört oder gelesen zu haben. Die Auflösung der Fälle obliegt häufig der Fähigkeit Robert Hunters, sich an bestimmte Details erinnern zu können oder quergedacht zu haben. Spätestens ab dem siebten Fall ist das ermüdend. Ich muss auch zugeben, dass ich mich mitunter geärgert habe, da manche Fälle für den Leser deswegen nicht zu lösen sind, weil er oder sie vorab mit fehlerhaften Informationen gefüttert wird. Im vierten Fall („Der Totenkünstler“) wird eines der Opfer von einem Mechaniker getötet. Es mag der Übersetzung geschuldet sein, doch zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits eine Verdächtige, die ich dann jedoch ausschließen musste, weil der Mechaniker durchweg als männlich beschrieben wurde.

Trotz allem finde ich diese Krimiserie erfrischend und absolut hörenswert. Wenn sie mit dem zehnten Fall endet, fände ich das absolut gelungen. Für mich deutet einiges auf dieses Szenario hin, denn zum Ende des neunten Buches erfährt man, dass der zehnte Fall sich mit einem Duell zweier alter Bekannter befassen wird. Im sechsten Teil „Die stille Bestie“ trifft Hunter auf Lucien Folter, seinem Zimmergenossen aus Collegetagen. Ein mörderischer und wirklich faszinierender Fall entwickelt sich, in dem Hunter vorerst die Oberhand behält. Nun ist Lucien Folter ausgebrochen, die (finale) Jagd beginnt.

Die bisherigen Bände sind allesamt im Ullstein Verlag erhältlich. Die Hörbücher erschienen gekürzt im Hörbuch Hamburg – Verlag oder sind ungekürzt via „Audible“ downloadbar.

Ein Beispielcover von Audible (Teil 6 – Die stille Bestie)
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