17. August 2018

Wenn die „unsichtbare Hand des Marktes“ sich zur Faust ballt – „Die Freiheit nehm ich dir“ von Patrick Spät

Foto: Andrea Daniel

Als Adam Smiths berühmtes Werk „Der Wohlstand der Nationen“ 1776 erschien, schuf er damit eine Grundlage der liberalen Marktwirtschaft. Smith war gleichzeitig Moralphilosoph, er ging von einem Menschenbild aus, dass der Einzelne im Sinne der Aufklärung eine ihm innewohnende Vernunft und Ethik besitze und somit ohne Eingreifen einer übergeordneten Instanz vernunftgesteuert und unter Einbeziehung ethischer Gesichtspunkte entscheide. Wenn ein Unternehmer ökonomische Entscheidungen treffe, die der Gewinnsteigerung dienen, so diene dies immer auch dem Gemeinwohl, da nicht nur der Unternehmer, sondern auch seine Mitarbeitenden und deren Familien profitieren und ihre Lebenssituation verbessern würden. Die sprichwörtlich gewordene „unsichtbare Hand des Marktes“ ist bis heute ein geflügeltes Wort und Argument von Ökonomen, demzufolge, wenn man dem Kapitalismus nur ausreichend Zeit gebe und nicht regulierend eingreife, soziale Gerechtigkeit, Wohlstand und eine verbesserte Lebenssituation sich von alleine für alle einstellen würden.

Schon zu Smiths Zeiten war längst bekannt, dass es so einfach nicht ist. Unternehmer hatten durchaus eher die eigene Gewinnmaximierung denn die Teilhabe aller am Produktionsprozess Beteiligten im Sinn, wenn sie Entscheidungen trafen.

Der Autor Patrick Spät zeigt auf, dass die strikte Trennung von Besitzenden und Zuarbeitenden eine Folge dessen ist, dass im Laufe des 15. Jahrhunderts die Allmenden, also das bisher gemeinschaftliche Eigentum, das von allen genutzt wurde, von Landherren an sich gerissen wurden. Dadurch wurden diejenigen, die nichts besaßen, abhängig von Erwerbstätigkeit für die Besitzenden – die fortan die Bedingungen bestimmen konnten. Während die Aufklärung diese Mehr-Klassen-Gesellschaft weiter zementiert, führt die protestantische Ethik zu einer zunehmenden Verinnerlichung der Haltung, dass Arbeit einen Eigenwert an sich hat, unabhängig davon, welchem Zweck und/oder Sinn Arbeit dient. Es erscheint bis heute befremdlich, dass früher Arbeit als unehrenwert und entwürdigend galt, dass Arbeiter ihre Arbeit niederlegten, sobald sie ihr Ziel – genügend Lohn zum Lebensunterhalt – erreicht hatten.

Diese Aufteilung und diese Leitgedanken finden sich bis heute, mittlerweile im globalen Umfang, in der kapitalistischen Ökonomie.

Bild: Rotpunktverlag
Bild: Rotpunktverlag

In seinem kleinen Büchlein zeigt Patrick Spät in elf Kapiteln auf, welche Folgen dies für den Einzelnen, aber auch für die gesamte Weltbevölkerung und für globale ökonomische Beziehungen hat. Er beleuchtet vor dem Hintergrund dieser Leitgedanken Themen wie Arbeit(sbedingungen), Wachstum, Wohlstand, Bevölkerungswachstum sowie ökologische Gesichtspunkte und benennt Denk- und Funktionsfehler kapitalistischer Grundannahmen. Im letzten Kapitel stellt er Ideen zu Alternativen vor.

Dieses Buch stellt nicht den Anspruch, komplexe Begründungen der kritischen Sichtweisen Spät´s detailliert aufzuführen. Spät gelingt es mit konkreten Beispielen und weiterführenden Erläuterungen, eine Übersicht seiner Kritikpunkte vorzustellen und deren Folgen aufzuzeigen. Dadurch wirkt das Buch klar strukturiert und ist gut lesbar. Detailliert wiederum sind seine Quellenangaben sowie eine ausführliche Literaturliste zu vertiefenden Werken, auf die er sich in seinem Buch bezieht. Auf diese Art und Weise hat er ein kleines, in wenigen Stunden lesbares Büchlein der Kapitalismuskritik geschrieben, das mit einem intelligenten Blick die Schattenseiten einer wachstumsorientierten kapitalistischen Wirtschaft aufdeckt. Ein vertieftes wirtschaftswissenschaftliches Vorwissen ist für dieses Buch nicht nötig, dennoch ist es hilfreich, dass Spät in seiner Literaturliste auf weiterführende Werke zu den angerissenen Themen verweist. Spät verdeutlicht sehr klar seine Meinung, begründet diese aber auch fundiert und nachvollziehbar. An vielen Stellen bin ich sehr nachdenklich geworden, da es dem Autor gelingt, wenig offensichtliche Zusammenhänge darzustellen, die gerne verschwiegen oder geschönt werden. Es hat dazu geführt, meine eigenen Einstellungen und Meinungen kritisch zu betrachten und zu überprüfen (und aus der weiterführenden Literatur ist bereits eine Wunschliste erstellt). Eine klare Lese-Empfehlung!

 

Patrick Spät: Die Freiheit nehm ich dir – 11 Kehrseiten des Kapitalismus

Rotpunktverlag Zürich

184 Seiten

ISBN 9783858697073

 

 

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Über Andrea Daniel 59 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.

1 Kommentar zu Wenn die „unsichtbare Hand des Marktes“ sich zur Faust ballt – „Die Freiheit nehm ich dir“ von Patrick Spät

  1. „Es gibt nur eine Ausflucht vor der Arbeit: Andere für sich arbeiten zu lassen.“

    Immanuel Kant (1724-1804)

    Ein Moralist muss den Gegensatz von Eigennutz und Gemeinnutz in der Gesellschaft als gegeben und unveränderbar hinnehmen, um überhaupt Moralist oder Moralverkäufer sein zu können. Die verkaufte Moral soll dann dazu dienen, den Gegensatz für alle erträglicher zu machen, unabhängig davon, ob man die Moral nun Ethik nennt. Als Moralist übersah Kant die entscheidende Frage für das menschliche Zusammenleben: Was ist die Ursache für den Gegensatz von Eigennutz und Gemeinnutz und wie ist dieser Gegensatz zu überwinden? Nur eine Gesellschaft, die den bestehenden Gegensatz ebenfalls als unveränderbar ansieht, kann Kant als den „bedeutendsten Philosophen der Aufklärung“ bezeichnen.

    Adam Smith (1723-1790), ebenfalls Moralist, formulierte die Lösung des Problems: Wenn jeder nur sein eigenes Interesse verfolgt, befördert er das Gesamtinteresse der Gesellschaft am wirkungsvollsten, unter der Voraussetzung, dass der marktwirtschaftliche Wettbewerb frei bzw. uneingeschränkt ist. Die „unsichtbare Hand des Marktes“ sorgt für das bestmögliche Gemeinwohl, wenn sich nur der Staat mit weiteren Vorschriften oder Reglementierungen aus der Wirtschaft heraushält. Diesen Denkfehler machen die Liberalen bis heute, sodass sie immer wieder von der rückwärtsgewandten Ideologie des Sozialismus überrollt werden, die notwendigerweise im Totalitarismus endet:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/02/irrtumer-des-marxismus.html

    Die „unsichtbare Hand des Marktes“ gibt es wirklich und sie sorgt weit wirkungsvoller für ausgleichende Gerechtigkeit, als der „liebe Staat“ es jemals könnte. Aber es gibt noch eine zweite „unsichtbare Hand“, die seit jeher den marktwirtschaftlichen Wettbewerb einschränkt, die es den Besitzenden ermöglicht, sich auf Kosten der Mehrarbeit vieler Besitzloser zu bereichern, und die die Eingriffe des Staates in die Wirtschaft überhaupt erst provoziert:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2016/10/gesetze-der-zukunft.html

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