19. September 2020

Sonja Vukovic: gegessen

Was für ein Buch. Eindringlich – Ausdrücklich – Du liebe Güte.

„Und am Anfang von Abhängigkeit liegen oft – nicht immer, aber oft – schwerwiegende seelische Verletzungen. Eigentlich alle, die ich traf, waren als Kinder missbraucht, misshandelt, vernachlässigt …“

Sonja Vukovic hat in ihrem Leben viel erlitten, sie lässt uns durch ihre Autobiografie daran teilhaben Foto: Verlag lübbeund von ihren Erkenntnissen lernen. Ich hatte es vorher nicht gewusst: Sonja Vukovic ist (Mit) – Autorin des Buches „Christiane F. – Mein zweites Leben.“

Ich kann mich noch sehr intensiv daran erinnern, dass ich 2001 mit dem Dienstbulli an der Wohngruppe ankam und direkt zum Fernseher rannte, weil ich schockierende Nachrichten im Radio gehört hatte. Es war der 11. September.

Sonja Vukovic ist sechzehn Jahre alt und hält sich in Phoenix auf. Sie lebt in dort in einer Gastfamilie, um gesund zu werden. Sie leidet unter Anorexie und Bulimie. Sie wird Menschen lieben und hassen, sich geliebt und gehasst fühlen und sich selbst hassen – bis … sie sich nach dreizehn Jahren, die sie brauchen wird, um sich gesund zu fühlen, dazu durchringt, dieses Buch zu schreiben.

Die Zeit in Phoenix ist für Vukovic der Beginn ihrer Arbeit als Journalistin. Sie wird aus Deutschland gebeten über die Anschläge zu schreiben und erarbeitet Hintergrundberichte über das Leben in Amerika nach dem 11. September.

In ihrer Autobiografie nimmt sie mich als Leser mit auf eine Reise, hin zu den Orten ihrer Verletzungen, zu den Menschen, an denen sie oft verzweifelt ist und zu denen, die ihr eine Hilfe waren. Sonja Vukovic berichtet und reflektiert. Sie kann ihre Gefühle deutlich machen, zeigt auch ihre Idee davon, wie die Gefühlswelten von denen aussahen, die sie so stark geprägt haben, im Guten wie … und hier überrascht Sonja Vukovic, wie an vielen anderen Stellen auch:

Sie zeigt die Folgen des Handelns aller Beteiligten auf. Sie zeigt, wo Menschen ihr nicht gut getan haben, allerdings nicht in verurteilender Form, so dass Gut und Schlecht nicht die passenden Kategorien sind.

Als Sozialarbeiter habe ich schon einige Schicksale erlebt und begleitet und bin meist empathisch, aber in vielen Dingen nach 28 Dienstjahren doch schon abgeklärt. Schon relativ zu Beginn meiner Lektüre von Vukovics verstörender Geschichte musste ich eine Pause einlegen – denn

Sonja Vukovic berührt, erschreckt, macht traurig und nachdenklich

Das Lesen ihrer Erlebnisse und Erkenntnisse erzeugt eine starke Wirkung. Sie schreibt schnörkellos real. Sie verursacht durch ihre klare Sprache, in der sie ihre tiefsten Gefühle von Liebe, Verlangen, Verlassen sein, Abhängigkeit und Verletzung offen legt, einen emotionalen Strudel, der mich mitgerissen hat.

Dieser Strudel ist vielleicht deswegen so mitreißend, weil ich mich in Teilen dessen, was Sonja Vukovic beschreibt, selbst erkenne. Ich bin überzeugt, dass dies ganz vielen Lesenden so gehen wird.

Überaus beeindruckend ist für mich die Offenheit mit der Vukovic in ihrem Buch vorgeht. Es wird nicht geschönt und sich selbst nicht geschont.

Ich habe jetzt gar nichts über die Geschichte des Buches geschrieben?

Es geht um Süchte. Um Sehnsüchte und Ausflüchte und um das für sich einstehen, um Haltungen sich selbst und Anderen gegenüber und vieles mehr. Meine Liste der möglichen Zitate aus dem Buch ist unglaublich lang, aber ich will das Buch ja nicht komplett abschreiben. Deswegen noch dies zum Abschluss:

„Keine noch so drastischen Konsequenzen können Betroffene, denen körperlicher Verfall, Depression und Panik, schwere körperliche Schäden, Infektionskrankheiten, Organversagen und weitere Folgen völlig egal sind, von ihrer Sucht abbringen – Akzeptanz und Liebe schon.

Und einen Sinn im Leben sehen.

Sich zugehörig fühlen.

Teil von etwas sein.

Respekt.“

 

Kaufen Sie das Buch, verschenken Sie es, leihen Sie es in der Bücherei aus, lassen Sie es verschenken.

Dieses Buch muss unter Menschen.  

Buchtrailer auf Youtube

Sonja Vukovic

gegessen

Lübbe Verlag

ISBN 978 3 78567 – 2577 – 1

Danke für das Leseexemplar an den Lübbe Verlag und vielen Dank an Sonja Vukovic. Ich bin sicher, dass dieses Buch Menschen helfen, vielleicht sogar retten können wird.

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Über Klaus Daniel 178 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.