20. September 2020

„Der Glaspalast“ von Amitav Ghosh – ein Gemälde aus Worten

„Was ist das?“ Arjun sah über ihre Schulter. Seine Khakihose war fast bis zur Taille nass.

„Das ist ein Nautilus“, sagte sie.

Das Gebilde hatte an einem Ende eine elliptische Öffnung wie ein Horn; im Inneren schimmerte es perlmuttfarben mit silbrigen Sprenkeln. Das Gehäuse war zu einer beinahe vollkommen runden Wölbung gerollt. Um die Wölbung verlief eine Spirale, die in einem winzigen Vorsprung, einer Brustwarze nicht unähnlich, endete.

„Woher weißt du, wie es heißt?“ fragte Arjun. Alison spürte ihn hinter sich. Er blickte über sie hinweg auf das Gebilde. Sein Kinn ruhte leicht auf ihrem Kopf.

„Dinu hat mir einmal eine Fotografie von einem Nautilus gezeigt“, sagte sie. „Er hielt sie für eine seiner besten Aufnahmen, die er je gemacht hat.“

Seine Arme griffen um ihre Schultern, umfassten ihren Körper. Seine Hände schlossen sich um den Nautilus, seine Finger ließen die ihren ganz klein erscheinen, seine nassen Handflächen lagen auf ihren Handrücken. Er fuhr mit dem Daumen am Rand der Perlmuttöffnung entlang, über die Linie, die das gewölbte Gehäuse umringte, bis zu dem winzigen brustwarzengleichen Punkt oben auf der Wölbung.

„Wir sollten…“ – sie fühlte, wie sein Atem durch ihr Haar pustete – „wir sollten ihn Dinu mitbringen“, sagte er. Seine Stimme klang heiser.

Rajkumar hat seine ganze Familie an das Große Fieber verloren. Zufällig treibt es den indischen Waisenjungen nach Mandalay. Er schlägt sich mit Hilfsarbeiten durch, bis er 1885 in die Truppenbewegungen der britischen Armee gerät, die Birma besetzen. Während sich das Chaos ausbreitet, treibt es ihn zum Herrscherpalast, dem legendären Glaspalast, der bereits von Plünderern ausgeraubt wird. Eine kurze Begegnung mit Dolly, einem der Kindermädchen des Königspaares, verändert beider Leben.

Dolly begleitet die königliche Familie in das Exil nach Indien, Rajkumar ergreift die Chancen, die sich ihm bieten. Und das Glück ist ihm hold: Er wird mit Holzhandel reich. Auf einer seiner Geschäftsreisen sucht und findet er Dolly und heiratet sie. Diese hatte sich im Exil mit Uma, der Frau des Verwalters, eng befreundet. Die Familie geht zurück nach Birma, die Kontakte zu Uma in Indien bleiben jedoch zeitlebens bestehen. Ihre Lebensläufe verflechten sich miteinander und stellen fragmentarisch Hotspots der regionalen Historie vor. Mit ihren Kindern und Enkeln wird die über drei Generationen umfassende Geschichte weitererzählt. Ein Roman, der nicht nur die persönlichen Erfahrungen der Protagonisten auffächert, sondern auch über hundert Jahre Geschichte der Länder Indien, Myanmar (früher: Birma), Thailand und Malaysia. Zufällige Begegnungen führen zu Freundschaften, Familien verbinden sich miteinander, ebenso wie die Geschichten von Rajkumars Mentor Saya John und seinen Kindern.

Bild: btb Verlag

Der in Indien geborene Schriftsteller Amitav Ghosh zeichnet dabei seine Figuren oft nur schemenhaft. Selten gelingt dem Leser mehr als ein gelegentlicher kurzer Einblick in das innere Erleben der Protagonisten. Interessanterweise stört das das Leseerleben kaum, es scheint sich einzufügen in die in Asien eher verbreitete Sichtweise auf den Menschen in großen Gefügen statt in seiner Individualität. Der Roman ist also auch auf diese Weise auf einen generationenübergreifenden Plot ausgerichtet. Er lebt davon, dass es Ghosh gelingt, eine atmosphärisch dichte Geschichte zu erzählen, die die bewegte Zeit des Kolonialismus, des Zweiten Weltkrieges und der Unabhängigkeit der Länder um den Golf von Bengalen umfasst. Seine Figuren scheint dabei eins zu einen: das Fehlen eines Gefühls der Heimat, die Distanz zu ihren oft fremdbestimmten Lebensformen. Da ist Dolly, die die königliche Familie Birmas in das indische Exil begleitet. Der indische Waisenjunge Rajkumar in Birma, der irgendwann nicht mehr weiß, wo sein Zuhause ist. Die indische Freundin Uma, deren Ehemann für das Britische Empire Verwalter ist, und die sich später, verwitwet, Mahatma Gandhis Unabhängigskeitskampf anschließt. Da ist der aus England stammende Witwer Saya John. Oder Arjun, der als Inder für die britische Armee kämpft und irgendwann innerlich zerrissen ist, wohin er und seine Landsleute gehören, auf wessen Seite zu kämpfen die Richtige ist – wovor hat er Angst? Vor den Engländern oder den Japanern? Oder Manju, die auf der Flucht vor den japanischen Besetzern ihre Tochter alleine lässt. Sie alle suchen und scheinen manchmal zufällig wie Billardkugeln aufeinander zu treffen und ihren Lebenswegen eine neue Richtung zu geben.

Ghosh breitet ein großes Panorama aus, in dem er aus den unterschiedlichen Perspektiven seiner Protagonisten erzählt. Er fokussiert Winzigkeiten und überspringt ganze Jahrzehnte. Dabei erzählt er ruhig und besonnen.

Dieses Buch lag über zwei Jahre ungelesen in meinem Regal. Vielleicht war es erst jetzt möglich, dass ich mir in Ruhe immer wieder viel Zeit für es genommen habe. Es ist kein Buch, das nebenbei gelesen werden kann. Erst in dem ich mich vertieft darauf eingelassen hatte, entfaltete es seine Atmosphäre, die fesselt und innere Landschaften entstehen lässt.

Über die Kämpfe des Zweiten Weltkriegs in Südostasien war mir nur wenig bekannt. Umso mehr hat es mich gefesselt, aus den Perspektiven der Bevölkerung, aber auch der britisch-indischen Armee von dieser bedrohlichen und zerstörerischen Episode zu erfahren, die viel Leid brachte, aus der der Eine oder Andere aber auch das große Geschäft zu machen verstand.

„Der Glaspalast“ ist ein Roman, der seine Längen hat. Es lohnt sich aber, sich auf diesen Roman einzulassen, ihm Zeit und geistigen Raum zu geben, damit sich eine vielschichtige und bunte Geschichte entfalten kann, die den Leser in ihren Bann zieht. In mir hat sie noch einige Tage nachgewirkt.

 

Amitav Ghosh: Der Glaspalast

btb Verlag 2002

624 Seiten

ISBN 978-3-442-73036-0

 

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Über Andrea Daniel 61 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.