26. November 2020

Gavin Extence – Libellen im Kopf

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Gavin Extence´s Buch ist für mich die beste größte Enttäuschung des bisherigen Lesejahres! Wunderbar!

Natürlich hatte ich gehofft, dass Libellen im Kopf anknüpfen würde an die interessante, verschrobene, menschlich besondere Welt des Alex Woods   – vielleicht sogar eine Fortsetzung wäre – allerdings, was könnte folgen nach den Ereignissen in der Schweiz?

Aber NEIN. Libellen im Kopf hat mit Alex Woods nichts gemeinsam – und das ist wirklich gut so.

Zunächst fiel es mir wegen meiner Vorstellungen eines Nachfolgebuches für Alex Woods schwer, mich auf Abby, die Heldin des Buches und ihre Geschichte einzulassen.

Aber Gavin Extence ist ein Könner. Er schafft es, dass ich mich, ohne es richtig zu merken, von der Geschichte einnehmen und meinen Tee über das Seitenverschlingen kalt werden lasse.

Abby ist freischaffende Journalistin mit geringem Einkommen. Sie lebt mit ihrem Freund Beck in einer viel zu kleinen Wohnung, ihre Familienbeziehungen sind nicht die Besten. Woran das liegt, wird beim Lesen des Buches nach und nach deutlich.

Abby wird später sagen, dass der Auslöser ihrer besonderen Situation, in die sie mich als Leser direkt mitnimmt, das Auffinden von Simons Leichnam war.

Simon, den Nachbarn kennt Abby gar nicht besonders gut. Sie weiß, er ist Mitte Vierzig, geschieden und lebt(e) allein. Als Abby eine Dose Tomaten bei ihm leihen will, findet sie Simon tot auf. In dieser Situation des Auffindens entwickelt Abby ein merkwürdiges Gefühl des sich selbst Beobachtens, in ihr werden, zunächst noch unbewusst, emotionale Ereignisse ausgelöst, die tropfenweise das Fass ihres psychischen Gleichgewichtes zum Überlaufen bringen werden.

Auf den Etappen zum Überlaufen des Fasses schreibt Abby zwei Artikel für eine landesweit erscheinende Zeitung, in der sie einiges über sich und über ihre Umwelt mitteilt. Sie hat eine erfolgreiche Lyrikerin interviewen wollen, die allerdings den Spieß umgedreht hatte und mehr über Abby herausgefunden hat, als Abby über sie.

Aus der Not eine Tugend machend, lässt Abby dieses verunglückte Interview mit Äußerungen zu Simon, Beck und zu ihrer unglücklichen Familiengeschichte veröffentlichen. Ein Artikel, der später noch wesentliche Ereignisse hervorrufen wird.

Abby, die selbst die Geschichte erzählt, entwickelt eine stetig steigernde Aktivität  als Journalistin. Dabei versorgt sie den Lesenden mit vielen nötigen Informationen zu ihrer Familiengeschichte, ihren Lebensumständen und ihrer Einkommenssituation. Auf diesem gemeinsamen Weg mit Abby schleichen sich beim Lesenden Zweifel ein – zur Verhältnismäßigkeit von Abby´s Mitteln und Wegen, zur Durchführbarkeit ihrer Pläne und auch zum Zusammenhang ihrer Aktivitäten. Aber noch scheint Abby nur etwas skurril oder aufgedreht.

Aber dann fährt sich Abby emotional heftig donnernd gegen die Wand. Und lässt sich nach einer manischen Episode mit anschließender depressiver Phase in eine Klinik einweisen.

Dies alles erleben die staunenden Leser*innen hautnah mit und fragen sich, wie das passieren konnte.

Abby muss es ganz ähnlich gehen, sie sagt nachher zu Beck, dass sie gegen das Gefühl, etwas Falsches zu tun, auch das Gefühl hatte, nicht anders handeln zu können und zu wissen, dass sie sich verstrickt.

Abby lernt in der Klinik die junge Melody kennen, die vor kurzem einen Suizidversuch unternommen hat. Obwohl sehr verschieden, freunden sich die beiden jungen Frauen an und entwickeln sogar Pläne für die Zeit nach der Klinik.

Dass es dazu erst nicht kommt, liegt an dem Zeitungsartikel über Simon, mit dem neue Störungen bei Melody und weitere Reflexionen ihres Handelns bei Abby selbst hervorgerufen werden.

Der Originaltitel „The mirror world of Melody Black“ ist bezogen auf die Vorstellung einer der Mitpatientinnen von Abby und Melody, dass sich die Frauen in der Klinik in einer Spiegelwelt befinden, die sie nur durch besondere Zugänge betreten und verlassen können. Abby findet die Beschreibung sehr passend, es scheint eine treffende Übersetzung für ihren besonderen Zustand ebenso zu sein, wie für die Welt in der Psychiatrie. Interessant ist, dass, so zerbrechlich Spiegel in der Regel sind, die Spiegelwelt sehr hermetisch und stabil und eher wie ein Gefängnis wirkt.

Auf dem Wege zur Besserung/Veränderung ihres Zustandes leistet Abby viel Arbeit an sich. Sie bricht in ein neues Leben wie in ein Abenteuer auf, was es bei genauerem Überlegen ja auch ist.

Gavin Extence legt ein Buch über eine junge Frau mit einer bipolaren Störung vor. Beim Lesen wird deutlich, dass der Autor weiß, worüber er schreibt. Abbys Gefühlslagen sind so plastisch und authentisch beschrieben, dass klar wird, Extence hat gut recherchiert oder war selbst betroffen. (Im Nachwort ist seine persönliche Geschichte erzählt).

Die Geschichte ist so gut in mehreren Erzählsträngen und zwischen den unterschiedlichen Protagonisten verknüpft, dass keine Lücke entsteht. Abby reißt mit, im Guten wie im Schlechten, ihre Beschreibungen sind so, dass die Ereignisse klar in meiner Vorstellung entstanden sind.

Gavin Extence beschreibt seine Protagonisten wirklichkeitsnah und emotional eingehend – für mich eine wirkliche Überraschung und große Freude.

Gavin Extence

Libellen im Kopf

Limes

ISBN: 978 – 3 – 8090 – 2634 – 1

 

Vielen Dank an Rena, Autorin von Analog 2.0, dafür, dass du mir dein Leseexemplar überlassen hast. Ich hatte große Freude mit dem Buch.

 

 

 

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Über Klaus Daniel 178 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.