9. August 2020

Jonathan Galassi: Die Muse

Venezia
Venedig

Wer ist Ida Perkins?

Was sich zunächst liest wie ein Who is Who der amerikanischen (und noch enger gefasst – der New Yorker) Literatur-, Autoren- und Verlagswelt der 1960er Jahre ist ein fiktiver Roman mit biographischen Zügen, geschrieben von Jonathan Galassi.

Galassi porträtiert die Verleger- Literaten und Buchwelt der 1960er in New York. Verleger sind die Schatzsucher der Literatur, ihre Lektoratsangestellten werden mehr schlecht als recht bezahlt, Buchhandlungen sind Schatzhöhlen. Verpackt in die Beschreibung dieser Welt wird von der Liebe zur Literatur, von den Entwicklungen der handelnden Personen und den persönlichen Lieben des Verfassers und den wichtigen Personen in seinem beruflichen und privaten Umfeld erzählt. Dabei lässt Galassi auch die (fiktiven) Autor*innen zu Wort kommen:

 

„Wann, frage ich mich können Autoren einfach ihre langweiligen Leben führen? Wissen Sie denn nicht, dass das Leben wenig mit dem Schreiben zu tun hat?“

Der Roman ist ungeheuer packend, weil Galassi zunehmend emotionaler und bewegender auf einem äußerst umfangreichen Grundplot erzählt und seine Geschichte aus den großen Umfängen in die individuelle Situation hinein entwickelt.

Hauptdarsteller der Geschichte ist Paul Dukach. Literaturbegeistert, feinsinnig, oft in den Falschen verliebt, lebt Paul für die Verbreitung wertvoller Literatur. Seine persönliche Heldin ist Ida Perkins. Mit ihrer Art der poetischen Dichtung hat sie mit ihren Büchern immer wieder geschafft, was anderen Lyriker*innen oft verwehrt bleibt: Sie führten in den letzten Jahren immer wieder die Shortlists und die Buchhitlisten an.

„Es war Liebe aufs erste Gedicht. Noch nie hatte Paul etwas gelesen, das so gewagt war, so frech und auf so elektrische Weise gegenwärtig, wo alle Motoren gleichzeitig pumpten.“

Pauls große Verleger – Vorbilder mit eigenen Verlagen heißen Homer Stern und Sterling Wainwright. Beide haben gute Nasen für Literatur und das Geschäft, beide waren früher mit Ida Stern liiert und beide hegen ihre Ablehnung gegen den jeweils Anderen. Mit der Geschichte der beiden Verlegerpersönlichkeiten wird eine Epoche in der Literaturwelt erzählt, die bestimmt war von literarischem Aufbruch, gesellschaftlichen Umbrüchen und kulturellen Ereignissen.

Beim Lesen des Buches war ich immer versucht im Internet nach den im Buch beschriebenen Personen, Geschäften und Verlagen zu suchen. Denn Galassi entwickelt eine ungemein real wirkende Literatur – Welt, die er mit so vielen differenziert beschriebenen Persönlichkeiten bevölkert, er gibt den Räumen so unverwechselbare Gesichter und er beschreibt die Beziehungen der Menschen über viele weitere Verbindungen und aus dem realen Leben bekannten Persönlichkeiten hinaus.

Die Geschichte, die zunächst wie eine Who is Who Sammlung wirkt, wird vom Autor immer weiter entwickelt: Paul, der glühende Freund Ida Perkins´Lyrik, Kenner all ihrer Bücher und Bewunderer ihres lebenslangen Schaffens, darf Ida in Venedig besuchen. In der Stadt des besonderen Lichtes und vieler Geheimnisse macht Ida Paul zum Bewahrer ihres Vermächtnisses und zwingt ihn damit dazu Verantwortung für die Menschen in Ida´s Umfeld und ganz besonders für sich selbst zu zeigen.

„Seine Verehrung für Ida aber war der Motor, der über kurz oder lang ihr Werk, ihr Leben und das Leben von allen Beteiligten für immer verändern würde.“

Die Wirkung der Enthüllung des letzten Werkes von Ida Perkins wird Wellen schlagen und erhebliche Auswirkungen zeigen. Dessen ist sich Paul bewusst, er weiß aber auch, dass er das Vermächtnis erfüllen muss.

Galassi übt Kritik am Fassaden – verstellten Literaturbetrieb. Er macht deutlich, dass seine Figuren, so wie wir alle im wirklichen Leben, an unseren Aufgaben wachsen können, vielleicht sollen, und dass es ein mögliches Lebensziel ist, erwachsen zu werden. Nicht die Fassade zählt, sondern das Wirkliche!

Entsprechend äußert sich Ida:

„Ach, diese närrischen altjungen Männer mit ihren unlesbaren Zeitschriften, mit ihrer herrlichen Selbstgefälligkeit. Kleine Schnösel.“

Galassi ist mit seinem Debutroman ein feiner Wurf gelungen. Kenner der Szene werden sicher die hinter den fiktiven Personen versteckten Realnamen entdecken können. Andere – wie ich – werden über einen Literaturbetrieb staunen, weil sie ihn sich so nicht vorgestellt haben, oder eben genau so!

Faszinieren müssen die emotionalen Verstrickungen. Die Bandbreite der Konstellationen, der lauten und leisen Klänge, die schön gestalteten Textstellen sind in einem wirklich feinen Buch zu finden.

Die Muse

Jonathan Galassi

Fischer Verlag

ISBN: 978-3-10-002294-3

 

Teile diesen Beitrag.
Über Klaus Daniel 178 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.