17. Juni 2019

Paul Ingendaay: Königspark

  1. Vor einiger Zeit plauderte ich (Sozialarbeiter) beruflich mit zwei Kolleginnen  bei Kaffee und Brötchen, ja, gegen alle Vorurteile aßen wir keine Kekse. Eine der Kolleginnen erzählte von ihren Sorgen, als schon ältere Frau (was immer das heißen mag) auf die gerade angetretene Stelle eingestellt zu werden. Den Ball nahm eine andere Kollegin auf und sagte, dass sie als Mutter mit jungen Kindern auch nicht gedacht hatte, als erste Wahl für eine ebenfalls gerade angetretene Stelle gelten zu können.

Mein Einwurf, es komme doch auf Qualifikation an, zu der Berufserfahrung per se und die Vielfalt von Lebenserfahrungen ebenso gehören und zu Lebenserfahrungen komme nur jemand in der dazugehörenden Lebenszeit, wurde geläufig weggewedelt. Eine grundsätzliche Existenzsorge sei Bestandteil weiblichen Daseins im Beruf, da Frauen von der Einschätzung anderer (gemeint sind Männer) abhängig seien.

Ich konnte das kaum glauben und so sehr mir das nicht gefiel, konnten doch die Kolleginnen einige Beispiele nennen, dass das Leben von berufstätigen Frauen möglichen Unterdrückungsfaktoren unterliegt, die in unserer Gesellschaft begründet sind und die noch immer zum Alltag gehören.

Virale Ereignisse wie #Aufschrei  oder die #meetoo – Debatte haben ein großes mediales Aufsehen erreicht. Die Einsicht, dass sexuelle Gewalt gegen Frauen nur möglich ist, wenn die Gesamtgesellschaft dafür die Möglichkeiten zur Verfügung stellt, ist nicht so groß, dass es die gesellschaftliche Ungleichbehandlung von Menschen aller unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten aktiv abschaffen würde.

Letztlich sind der internationale Frauentag (seit diesem Jahr Feiertag in Berlin), Muttertag oder gar der Vatertag Maßnahmen zur Festigung von Geschlechtszuschreibungen und der herrschenden Zustände. Denn dadurch, dass diese Tage gefeiert werden, werden die Tage, in denen nicht einzelne Personengruppen gefeiert werden, zu Tagen, an denen sie ihren ganz üblichen Alltag leben mit den Unterdrückungsmechanismen, die offensichtlich in unserer Gesellschaft normal zu sein scheinen.

Mir sind zufällig zwei Bücher in die Hände gefallen, bei denen ich gerade unter dem Eindruck des Gespräches mit den Kolleginnen meine Eindrücke von Unterdrückung als Prinzip im gesellschaftlichen Zusammenleben vertiefen musste, was mir gar nicht gut gefällt. Hier stelle ich das erste vor:

Königspark: Paul Ingendaay

Paul Ingendaay (Jahrgang 1961), lange Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für die Iberische Halbinsel, lebte lange als Schriftsteller und Publizist in Madrid. Königspark ist nicht sein erstes Buch, das in Spanien handelt.

Die Casa di Campo in Madrid ist einer der größten und ältesten Innenstadtparks Europas. In der Zeit, in der die Handlung des Buchs stattfindet, war in der Casa di Campo Europas größter Straßenstrich. Paul Ingendaay erzählt in einem WDR Interview , dass ihn das Thema des Königsparks schon vor zwanzig Jahren angesprochen hat, als er mit seiner Familie im Park zum Essen war und er erlebte, wie neben dem Familienvergnügungsbetrieb ganz ungestört der Straßenstrich lief. Der Roman beruht also auf sorgfältig recherchierten Tatsachen einer Welt, wie sie vor etwa zwanzig Jahren existiert hat. Wie tief die Veränderungen in der heutigen spanischen Gesellschaft gehen, ist nicht klar. Ich würde auch nicht zu sehr ins Positive hinein hoffen.

Das Buch:

Nuria fährt nachts mit ihrem Fahrrad durch die Casa di Campo, um die Prostituierten des Straßenstrichs zu schützen. Nuria ist jung und sie ist Kämpferin. Ihr ständiges Training in verschiedenen asiatischen Kampftechniken macht sich bezahlt.  Sie braucht keine Angst zu haben. Erst Anfang 20 ist sie aufgewachsen bei einem immer strengen Vater, der zunehmend religiös wird und seine Familie, insbesondere Nuria und ihre älter Schwester Isa, unterdrückte und mit Regeln drangsalierte. Isa hat schon vor langer Zeit die Familie und vor allem Nuria verlassen. Nuria ist zornig auf ihre Schwester. Sie weiß inzwischen aus dem Internet, dass Isa als Escortfrau arbeitet. Sie kennt ihre Preise und das Foto, mit dem Isa wirbt. Und ist davon, dass andere ihre einstmals liebevolle Schwester ganz anders kennen als sie, besonders berührt.

Isa ist eine desillusionierte Frau, die nicht untergehen will. Inzwischen weiß sie, dass ihr auch mehr Reichtum keine Zufriedenheit bringen wird. Dennoch: Unter ihren jetzigen Lebensstandard will sie nicht zurückfallen. Über ihre Schwester sagt sie :“…wir kennen uns kaum noch. Ein Nachspiel unserer beschissenen Familiengeschichte. Kolatteralschäden. So nennt man das wohl.“

Nuria lässt sich von Rico Vargas, dem Zuhälter in der Casa di Campo, dafür bezahlen, dass sie die Frauen in der Casa di Campo, dem Königspark, wie Nuria den Park nennt, beschützt und dafür sorgt, dass die Frauen pünktlich von der Finca, wo sie untergebracht sind, zur Arbeit gelangen. Der Straßenstrich wird von den Madrilenen als normal angesehen. Ob viele Menschen in Madrid wissen, dass viele der Prostituierten Zwangsarbeiterinnen u. a. aus Afrika sind? Ob es sie stört?

Der Chefredakteur einer der führenden Tageszeitungen, selbst gelegentlicher Strichbesucher, hält die Fragen nicht für wichtig. Er interessiert sich mehr für Liebesgeschichten, mit denen er eine neue Serie in seiner Zeitung lancieren will. Er beauftragt den jungen Journalisten Mateo mit der Serie. Mateo ist aber schon längst von einer Rechercheidee zum Strich und der Zwangsprostitution im Königspark gefangen.

Nuria macht sich nach und nach klar, dass sie an der Unterdrückung von Hadeel und Fevo und den anderen Frauen mitarbeitet. Als sie von Mateo angesprochen wird, sie sich mit Isa trifft und nicht die erwartete (hatte sie Erwartungen?) Versöhnung erlebt, setzt Nuria Ereignisse in Gang, die von keinem der Beteiligten aufzuhalten sind.

Paul Ingendaay hat ein pralles Buch geschrieben. Kaum vorstellbar, dass der Straßenstrich direkt von flanierenden und Eis essenden Kindern betrachtet werden konnte. Ingendaay sagte im Interview, dass die Machogesellschaft in Madrid dies ermöglicht hat. Schlimm auch, dass die Zwangsprostitution von doch so auffällig nicht zum Madrider Stadtbild gehörenden Frauen so offensichtlich durchgeführt werden konnte. Auch dafür gibt es die Begründung: So funktioniert die Gesellschaft.

Nuria handelt nach ganz eigenen Motiven. Diese sind bestimmt von der Unterdrückung durch den Vater, den Verlust der Schwester, die sie verlassen hat, und Wünschen, die sie sich selbst noch gar nicht eingestehen kann. Zu Mateo sagt sie: „Es geht nicht um … was immer das hier soll. Es geht darum, zu werden, wer man ist.“

Königspark ist spannend. Bestürzend. Ingendaay hat genau hingesehen. Königspark zeigt die Hohlheit von Gesellschaft, vor der die schönsten Fassaden aufgebaut werden, um sie zu vertuschen. Gesellschaftlicher und sexueller Missbrauch von Menschen finden Hand in Hand statt.

Die Atmosphäre für Missbrauch und Existenzangst hat ihre Wurzeln im Kleinen und Verborgenen. Ein unterdrückender Vater, ein zurück gelassener Junge, wie Rico Vargas es war, sind Wurzeln und Auswuchs einer Gesellschaft, in der Frauen um ihre Existenz im ganz normalen Alltag besorgt sein müssen; wie die beiden Kolleginnen, mit denen ich gesprochen habe.

 

Paul Ingendaay

Königspark

Piper Verlag

EAN 978-3-492-05719-6

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Über Klaus Daniel 174 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.